Unter dem Motto „Von der Präzisionsaudiologie zur Praxis“ brachte die 28. Jahrestagung der Deutsche Gesellschaft für Audiologie vom 4. bis 6. März Forschende, Klinikerinnen und Kliniker sowie Vertreterinnen und Vertreter der Hörakustik zusammen. Ziel der Tagung war es, aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und technologische Entwicklungen im Bereich des Hörens und der Hörstörungen vorzustellen und zugleich deren Übertragung in die alltägliche audiologische Praxis zu diskutieren. Geleitet wurde die Tagung von Prof. Dr. Inga Holube und Prof. Dr. Dr. Birger Kollmeier von der Universität Oldenburg.
Die Bedeutung von gutem Hören
Wie zentral gutes Hören für gesellschaftliche Teilhabe ist, wird vielen Menschen erst bewusst, wenn Hörprobleme auftreten: etwa wenn Gespräche in lauter Umgebung nicht mehr verständlich sind. Umso wichtiger sind eine präzise Diagnostik der zugrunde liegenden Hörstörung und individuell abgestimmte Hörhilfen, etwa Hörgeräte oder Cochlea-Implantate.
Audiologie im Wandel
Bei der Tagung stand vor allem ein Wandel im Mittelpunkt: Die Audiologie entwickelt sich zunehmend zu einer theorie- und datenbasierten Disziplin. In der Sitzung „Klinische Anwendungen der Präzisionsaudiologie“ zeigten aktuelle Studien, Modelle und Praxisbeispiele, wie wissenschaftsbasierte Verfahren schon heute die Versorgung von Patientinnen und Patienten verbessern.
Der Hörforscher Kollmeier beschreibt diese Entwicklung als „die Audiologie auf dem Weg von der Empirie hin zu einer theorie- und datengetriebenen Wissenschaft“.
Genetik eröffnet neue Perspektiven
Auch genetische Faktoren rücken stärker in den Fokus der Forschung. In der Sitzung „Phänotypisierung und Genotypisierung in der Audiologie und Neurootologie“ wurde deutlich, wie genetische Analysen helfen können, Hörstörungen präziser zu klassifizieren und damit künftig gezielter zu behandeln.
Einen Blick in die Zukunft warf ein Plenarvortrag zu neuen Implantat-Technologien. Forschende untersuchen derzeit, ob sich der Hörnerv mithilfe von Licht stimulieren lässt. Dieser Ansatz könnte langfristig völlig neue Generationen von Cochlea-Implantaten ermöglichen.
Forschung trifft Praxis
Neben wissenschaftlichen Erkenntnissen spielte auch der Transfer in die Praxis eine zentrale Rolle. Ein Beispiel ist die neu entstehende HörWerk Innovations-Community, die Forschung und Hörakustik enger zusammenbringen soll.
„Neben den wissenschaftlichen Highlights setzen wir verstärkt auf den Erkenntnistransfer in die tägliche Praxis der Hörakustik. So bauen wir derzeit die HörWerk Innovations-Community auf, die Hörforschung und Handwerk vereint und von der Förderinitiative „DATIpilot“ des Bundesforschungs Ministeriums (BMFTR) aufgrund eines sehr harten Wettbewerbs gefördert wird“.
Prof. Dr. Inga Holube
Das Ohr als Gesundheitszentrale
Ein weiteres Thema waren sogenannte Hearables – Kopfhörer oder Ohr-Einsteckgeräte mit erweiterten Funktionen. In der Sitzung „mHealth – Vom Hearable zur Gesundheitszentrale im Ohr“ diskutierten Expertinnen und Experten, wie solche Geräte künftig nicht nur das Hören verbessern, sondern auch Gesundheitsdaten erfassen könnten. Moderne Hörgeräte verfügen bereits über Sensoren, die etwa Hinweise auf chronische Erkrankungen oder akute Gesundheitsprobleme liefern können.