Erster Preis bei der Architektur-Biennale in São Paulo
Studentin gewinnt internationalen Wettbewerb mit Küstenprojekt
Was als individuelles Entwurfsprojekt im Masterstudium begann, endete mit einer internationalen Auszeichnung: Die Architekturstudentin Vanessa Herold entwickelte mit „Living Coast – Anchoring Jamaica’s Future“ ein Projekt, das ihr besonders am Herzen lag. Sie reichte den Entwurf für den studentischen Wettbewerb der 14th São Paulo International Architecture Biennale ein, wurde zunächst zur Ausstellung eingeladen, reiste zur Biennale nach Brasilien – und gewann schließlich den ersten Preis.
Entstanden ist die Arbeit im Intensivprojekt unter der Betreuung von Prof. Dr. Radostina Radulova-Stahmer und Prof. Volker Katthagen am Fachbereich Architektur der Jade Hochschule. Für die Studentin hat das Thema auch eine persönliche Bedeutung: „Meine Mutter ist Jamaikanerin – deshalb war es für mich ein echtes Herzensprojekt“, sagt Herold.
Küste als vernetztes Ökosystem
Im Zentrum des Entwurfs stehen die Küstenlandschaften Jamaikas. Mangroven, Korallenriffe und Seegraswiesen bilden dort ein dichtes Netzwerk von Lebensräumen, das nicht nur eine außergewöhnlich hohe Biodiversität trägt, sondern auch eine wichtige Schutzfunktion für die Küsten übernimmt. Diese Ökosysteme bremsen Wellen, stabilisieren Sedimente und schützen Küstenräume vor Erosion und Sturmfluten.
Doch genau diese Lebensräume geraten zunehmend unter Druck. Steigende Wassertemperaturen, Verschmutzung, der Verlust von Mangrovenflächen und immer häufigere Extremwetterereignisse destabilisieren viele Küstenregionen weltweit. Auch Jamaika ist von diesen Entwicklungen betroffen.
Herolds Entwurf versteht die Küste deshalb nicht als einfache Linie zwischen Land und Meer, sondern als vernetztes System verschiedener Lebensräume. Aufbauend auf dieser Perspektive entwickelt das Projekt eine naturbasierte Strategie zur Regeneration der jamaikanischen Küstenlandschaft.
Ein Netzwerk für resiliente Küsten: Schutz, Wiederaufbau und nachhaltige Nutzung
Im Zentrum steht ein Netzwerk aus sechs Küstenstationen, das unterschiedliche Habitate entlang der Küste adressiert – von Mangrovengebieten über Brackwasserzonen und urbane Küstenräume bis hin zu Korallenriffen, Seegraswiesen und Tiefseehabitaten. Jede Station fungiert als Ankerpunkt für Maßnahmen, die ökologische Prozesse stärken und geschädigte Lebensräume wieder aufbauen sollen.
Zu den vorgeschlagenen Interventionen gehören unter anderem schwimmende Feuchtgebiete zur Wasserfiltration, bioaktive Wellenbrecher zur Reduktion von Küstenerosion, Aufzuchtstationen für Mangroven, Seegras und Korallen sowie Rehabilitationsbereiche für verletzte Meerestiere. Ergänzt werden diese durch Angebote für Forschung, Umweltbildung und vorsichtigen Ökotourismus. Besucherinnen und Besucher könnten beispielsweise mit Kajaks unterwegs sein, die während der Fahrt Mikroplastik aus dem Wasser filtern, während Beobachtungsplattformen und Unterwasserkameras Einblicke in die marinen Lebensräume ermöglichen, ohne sie zu stören.
Durch die Kombination dieser Maßnahmen entsteht eine räumliche Strategie, die Biodiversität stärkt, Wasserqualität verbessert und Küstenlandschaften widerstandsfähiger gegenüber Extremereignissen machen soll.
Überraschung bei der Preisverleihung
Für den Wettbewerb der 14th São Paulo International Architecture Biennale wurde Herolds Projekt gemeinsam mit rund dreißig weiteren studentischen Arbeiten ausgestellt. Bei der Preisverleihung erlebte die Studentin schließlich einen unerwarteten Moment.
Die Präsentation der Projekte erfolgte auf Portugiesisch – zunächst war für sie nicht klar, was auf der Bühne gerade gesagt wurde. Erst eine Sitznachbarin übersetzte die entscheidende Passage: Ihr Projekt hatte den ersten Preis gewonnen.
„Ich konnte es zuerst gar nicht glauben. Plötzlich stand ich vorne und mir wurde der Preis überreicht.“
Vanessa Herold
Die Dringlichkeit der Fragestellung
Wie aktuell das Thema ihrer Arbeit ist, zeigte sich kurz darauf besonders deutlich: Nur zwei Wochen nach der Preisverleihung traf ein Hurrikan Jamaika und verursachte schwere Schäden entlang der Küste. Für Herold bestätigt das die Dringlichkeit der Fragestellung: Küstenökosysteme zu schützen und zu regenerieren wird für viele Regionen der Welt zu einer zentralen Herausforderung der kommenden Jahrzehnte.