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Kein Konjunktureinbruch trotz Krieg und Energiekrise

Konjunkturprognose von Prof. Dr. Bernhard Köster für 2023

Verhaltener Optimismus auch für die Exporte: Für 2023 wird ein Plus von 3,3 Prozent erwartet. (Foto: pexels)
Verhaltener Optimismus auch für die Exporte: Für 2023 wird ein Plus von 3,3 Prozent erwartet. (Foto: pexels)

Trotz der Folgen des Ukrainekriegs und der Energiekrise wird es keinen schweren Konjunktureinbruch in Deutschland geben, prognostiziert Dr. Bernhard Köster, Professor für Volkswirtschaftslehre und quantitative Methoden an der Jade Hochschule und Teil des Prognoseteams des Handelsblatt-Research Instituts (HRI). Die Krise werde zwar weniger heftig, würde aber länger dauern als erhofft.
Die Redaktion der Jade Welt (JW) fragt nach…

JW: Lieber Herr Köster, die Corona-Pandemie, der Ukraine-Krieg, die Energiekrise – steht uns in 2023 ein Konjunktureinbruch bevor?

Köster: Das würde ich nicht ganz so pessimistisch sehen. Meine Kollegen vom HRI und ich gehen davon aus, dass uns ein Konjunktureinbruch erspart bleibt. Nach 1,8 Prozent Wachstum im Jahr 2022 erwarten wir für das neue Jahr ein Plus von 0,2 Prozent. Für 2024 rechnen wir jedoch mit einem erwarteten Wachstum von lediglich 0,9 Prozent. Kurzum: Die Krise wird zwar weniger heftig, dauert aber länger als erhofft. Die Preise steigen weiter, die Wirtschaft stagniert – Deutschland steckt in einer Stagflation fest. Wir gehen davon aus, dass die Volkswirtschaft ausgehend vom Schlussquartal 2022 nun sechs Quartale in Folge nahezu stagnieren wird. Die Folge: Im Frühjahr 2024 wird das Bruttoinlandsprodukt real kaum höher sein als vor dem Pandemieausbruch Anfang 2020.

Deutschland fehlen dann vier Jahre Wachstum.

JW: Welche Rolle spielt die Energiekrise dabei?

Köster: Es sind tatsächlich vor allem die anhaltenden Probleme bei der Energieversorgung, die das HRI dazu veranlassen, auch für 2024 von lediglich knapp einem Prozent Wachstum im Gesamtjahr auszugehen. Nach wie vor hat die Regierung keine Strategie, wie Atomstrom und russisches Pipelinegas dauerhaft ersetzt werden können. Flüssiggas ist auf dem Weltmarkt extrem teuer, Kohle gilt als besonders klimaschädlich, und der angestrebte Ausbau erneuerbarer Energien kommt nur schleppend voran. Überdies sind Erneuerbare nicht grundlastfähig, können also den andauernden Strombedarf nicht konstant decken. Zwar bemüht sich der Bund, die kräftige Verteuerung der Energie mit bislang drei Entlastungspaketen und einem Krisenfonds, mit dem die Strom- und Gaspreisbremsen finanziert werden, abzufedern. Dadurch wird zwar die gesamtwirtschaftliche Nachfrage stabilisiert, die Inflation aber befördert und den Verbrauchern das gesamte Ausmaß der Verteuerung sowie der gesamtwirtschaftlichen Verluste verschleiert. Zudem werden notwendige Energieeinsparungen und ein unvermeidlicher Strukturwandel hinausgezögert.

JW: Wie stark hoch wird die Inflation sein?

Köster: Wie rechnen für 2023 im Jahresdurchschnitt mit fünf Prozent und für 2024 noch mit drei Prozent Inflation in Deutschland. Binnen vier Jahren wäre damit das Preisniveau um fast 23 Prozent gestiegen. Zuvor dauerte es 16 Jahre, von 2005 bis 2020, bis das Preisniveau ähnlich stark angestiegen war.

JW: Wie wird sich der Arbeitsmarkt entwickeln?

Köster: Der Arbeitsmarkt bleibt insgesamt robust. Der Zuwachs der Arbeitslosenzahl im zu Ende gegangenen Jahr um rund 120.000 Personen ist im Wesentlichen darauf zurückzuführen, dass sich Geflüchtete aus der Ukraine seit Sommer arbeitslos melden müssen, um Sozialleistungen zu erhalten. Wahrscheinlich werden einige von ihnen dauerhaft in Deutschland bleiben.
Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) haben mehr als 70 Prozent der erwachsenen Geflüchteten einen Hochschulabschluss, mehr als zehn Prozent einen Berufsabschluss. Erwerbstätig waren nach sechs Monaten 17 Prozent der Befragten. Das IAB erwartet, dass dieser Wert dieses Jahr auf 20 bis 25 Prozent ansteigen wird und im darauffolgenden Jahr noch stärker, da der Anteil jener Personen mit Deutschkenntnissen wächst. Dennoch können die Geflüchteten aus der Ukraine wohl nicht verhindern, dass der Höhepunkt der Erwerbstätigkeit im kommenden Jahr mit knapp 45,6 Millionen erreicht wird. Ab dann sinkt die Erwerbstätigenzahl zunächst um gut 100.000 pro Jahr; der Arbeitskräftemangel wird zunehmen.

Die Chancen der Arbeitnehmer, die aktuellen Reallohnverluste mittelfristig wieder aufzuholen, stehen daher nicht schlecht.

Prof. Dr. Bernhard Köster (Foto: Gaby Pfeiffer/Jade HS)
Prof. Dr. Bernhard Köster (Foto: Gaby Pfeiffer/Jade HS)

Werdegang

Dr. Bernhard Köster studierte Physik und Volkswirtschaftslehre an der Universität Heidelberg. Anschließend promovierte er dort zum Thema „Decision Rules, Transparency and Central Banks“ und arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Heidelberg und im Stab des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Dann wechselte der gebürtige Tübinger in die freie Wirtschaft zu AWD Economic and Provision Research und der MaschmeyerRürup AG und war anschließend als Dozent bei der Sparkassenakademie Hessen-Thüringen tätig.

2015 übernahm Köster eine Professur für allgemeine VWL an der EBC-Hochschule in Düsseldorf und arbeitete parallel als Economist am Handelsblatt Research Institute. 2017 wechselte der 46jährige als Professor für VWL und quantitative Methoden an die Frankfurt University of Applied Sciences und nahm zum Sommersemester 2019 einen Ruf für VWL und quantitative Methoden an die Jade Hochschule in Wilhelmshaven an. Bernhard Köster ist verheiratet und hat drei Kinder.

JW: Wie geht es für die Unternehmen weiter?

Köster: Die Lage für die Betriebe ist kritischer, nicht zuletzt für das Verarbeitende Gewerbe. Sie müssen sich dauerhaft nicht nur auf Personalmangel und steigende Löhne, sondern auch auf hohe Energiekosten einstellen. Rund 15 Prozent der Industrieunternehmen gelten als energieintensiv, da sie Glas, Papier, Keramik, Metalle oder Chemieprodukte erzeugen. Gleichzeitig zwingen Klimaschutzgesetze die Unternehmen, die Dekarbonisierung ihrer Produktion voranzutreiben, was hohe Investitionen erfordert, die letztlich aus Gewinnen finanziert werden müssen. Angesichts der zuletzt sehr guten Gewinnsituation, insbesondere bei den großen börsennotierten Konzernen, rechnet das HRI für 2023 und 2024 mit je rund drei Prozent Plus bei den Ausrüstungsinvestitionen. Sie lägen dann 2024 erstmals wieder über dem Vor-Corona-Niveau.

Mehr zu der Konjunkturprognose von Prof. Dr. Bernhard Köster, Dennis Huchzermeier und Axel Schrinner Prognose ist im Handelsblatt (NR. 1, Montag, 2. Januar 2023) zu lesen.

JW: Die Doppelkrise aus Corona und Ukrainekrieg hat darüber hinaus auch die Lage der Staatsfinanzen deutlich verschlechtert. Kann Deutschland zu der alten Wachstumsstärke zurückfinden?

Köster: Es erscheint uns sehr ungewiss, ob Deutschland angesichts dauerhaft verteuerter Energie, des Arbeitskräftemangels sowie der Alterung der Gesellschaft je wieder zu alter Wachstumsstärke finden kann oder ob es zu einer dauerhaften Absenkung des Potenzialwachstums kommt.

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