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War früher mehr Lametta?

Weihnachtsdeko auf dem Prüfstand: ein wissenschaftlicher Gastbeitrag zur Weihnachtszeit

(Foto: awesomecontent/Freepik)
(Foto: awesomecontent/Freepik)

Hintergrund und Fragestellung

Wenn wir in der Weihnachtszeit schön geschmückte Weihnachtsbäume sehen, denken viele von uns an ein Zitat von Loriot, der in „Weihnachten bei Hoppenstedts“ in der Rolle als Opa Hoppenstedt energisch feststellt: „Früher war mehr Lametta!“. Diese dünnen Stanniolstreifen, die entfernt an Eiszapfen erinnern, scheinen tatsächlich seltener geworden zu sein. Das mag auch damit zusammenhängen, dass in Deutschland kein Lametta mehr hergestellt wird. Aber auf diese vagen Eindrücke möchten wir uns nicht verlassen, das ist aus wissenschaftlicher Sicht höchst unbefriedigend. Also haben wir uns in einem Modul auf den Weg gemacht, diese Forschungsfrage solide zu klären: War früher mehr Lametta? Wissenschaftlich formuliert wollten wir klären, ob sich die Lamettaprävalenz, der Anteil der lamettageschmückten Weihnachtsbäume an allen Weihnachtsbäumen, mit der Zeit verändert hat.

Im gemeinsamen Statistikmodul der Studiengänge Angewandte Pflegewissenschaft (7. Semester) und Logopädie (4. Semester) konnten die Studierenden ein Thema frei wählen, zu dem wir dort eine Befragung auf den Weg gebracht haben. Unter mehreren Themen fiel dann die Entscheidung, eine Befragung zum Thema Weihnachten durchzuführen und dabei u. a. den berühmten Ausspruch von Opa Hoppenstedt auf den statistischen Prüfstand zu stellen.

Ergebnisse

Als Gelegenheitsstichprobe rekrutiert, konnten wir 341 ausgefüllte Fragebögen erreichen. Diese erfreulich große Zahl zeigt, welch hohen Stellenwert die Klärung der Veränderung der Lamettaprävalenz in der Bevölkerung hat. Mehr als die Hälfte der Stichprobe liegt im Altersbereich von 21 bis 40 Jahren, 26,4 % geben ein Alter von 21 bis 30 Jahren an und ebenfalls 26,4 % ein Alter von 31 bis 40 Jahren. Beim Geschlecht fällt auf, dass die Verteilung nicht der deutschen Bevölkerung entspricht, Frauen sind in der Stichprobe deutlich überrepräsentiert (65,9 % weiblich, 32,9 % männlich, 1,2 % divers). Ob dies daran liegt, dass die Befragung von Angehörigen der Gesundheitsfachberufe durchgeführt wurde oder die angeschriebenen Männer zur Veränderung der Lamettaprävalenz keine dezidierten Meinungen haben, kann auf Basis der vorliegenden Daten nicht beurteilt werden.

In Abb. 1 ist dargestellt, wie groß der Anteil der Befragten ist, der sich beim ersten erinnerten Weihnachtsfest an Lametta als Baumschmuck erinnert (58,7 %) und welcher Anteil sich an Lametta im Jahr 2022 erinnert (13,2 %). Dieses erste erinnerte Weihnachtsfest liegt im Durchschnitt 33,04 (±15,93) Jahre zurück.

Wir können also schon einmal festhalten, dass früher mehr Lametta war. Dieser Unterschied von 45,5 Prozentpunkten in der Lamettaprävalenz ist, überprüft mit dem McNemar-Test, auch signifikant (p≤,001). Opa Hoppenstedt war also nicht nur grummelig, er war auch unpräzise, er hätte auch genauer sagen können „Früher war signifikant mehr Lametta“.

Wir haben ja schon festgehalten, dass Opa Hoppenstedt ungenau beim Zeitpunkt war, wir wissen nicht, was er mit „früher“ meint. Unsere Daten erlauben uns aber, auch dies einzugrenzen. In Abb. 2 können wir sehen, wie viel Lametta erinnert wird, in Abhängigkeit von den Jahren, die seit dem ersten erinnerten Weihnachtsfest verstrichen sind. In den erinnerten ersten Weihnachtsfesten der letzten 3 Jahrzehnte ist die Lamettaprävalenz erstaunlich konstant bei etwa 39 %. Wenn wir weiter zurückgehen, steigt die Lamettaprävalenz dann fast linear an, bis sie bei Weihnachtsfesten, die 61 oder mehr Jahre zurückliegen, bei 100 % liegt.

Diskussion

Das früher mehr Lametta war, kann nun also als gesichert gelten, Opa Hoppenstedt hatte Recht. Außerdem wissen wir nun, dass der – wie wir es jetzt nennen werden – große Lamettaeinbruch vor etwa 30 Jahren stattgefunden hat, interessanterweise in etwa zu der Zeit, in der „Weihnachten bei Hoppenstedts“ zum ersten Mal ausgestrahlt wurde (im Jahr 1997). Es bleiben aber Fragen offen, die dringend weiterer Forschung bedürfen. Hängt z. B. der große Lamettaeinbruch mit der zunehmenden Verbreitung von alternativen Weihnachtsbaumdekorationen zusammen, z. B. Schokolade und elektrische Lichterketten? Wollten die Deutschen nach Verbot von verbleitem Normalbenzin (im Jahr 1988) dann auch keinen verbleiten Weihnachtsbaumschmuck mehr haben? Hängt die Lamettanutzung mit dem sozioökonomischen Status der Feiernden zusammen? Gibt es regionale Schwerpunkte der Lamettaprävalenz? Zur Klärung dieser wichtigen Fragen regen wir die Schaffung eines Forschungförderschwerpunktes „Lametta“ durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung an.

 

Methodik

Die Wahl des Studiendesigns war naheliegend. Beim historischen Referenzzeitpunkt („früher“) konnten wir die Studie nicht mehr starten, zumal Opa Hoppenstedt leider offengelassen hat, welchen Zeitpunkt er genau mit „früher“ meinte. Diese ungünstige Ausgangssituation haben wir gelöst, indem wir im November und Dezember eine Querschnittsstudie durchgeführt haben und unsere Studienteilnehmenden gebeten haben, den Weihnachtsbaumschmuck vom letzten Jahr mit dem Weihnachtsbaumschmuck vom frühesten erinnerten Weihnachtsfest zu vergleichen.

Abb. 1: Lametta früher und heute (n=341)
Abb. 1: Lametta früher und heute (n=341)
Abb. 2: Lametta am ersten erinnerten Weihnachtsfest in Abhängigkeit von den Jahren, die das erste erinnerte Weihnachtsfest zurückliegt (n=331)
Abb. 2: Lametta am ersten erinnerten Weihnachtsfest in Abhängigkeit von den Jahren, die das erste erinnerte Weihnachtsfest zurückliegt (n=331)

Ein Gastbeitrag von:

  • Prof. Dr. Stefan Dietsche
    Prof. Dr. Stefan Dietsche

    Fachbereich Bauwesen Geoinformation und Gesundheitstechnologie