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Herr Alz tischt auf

Forschungsprojekt entwickelt Spiel für An- und Zugehörige von Demenzerkrankten

Was bedeutet es, mit einer Demenzerkrankung zu leben und dabei nicht nur Defizite, sondern auch eigene Stärken zu erfahren? Mit dieser Frage beschäftigt sich das Forschungsprojekt „Spiel und Vergessen“, das seit Oktober 2023 in Zusammenarbeit mit dem Büro für Eskapismus entsteht. Initiiert wurde es von Dr. Kristin Huß, die im Bereich Demenz am Campus Oldenburg forscht und in diesem Themenfeld promoviert hat.

15 Ideen, ein Gewinner

Im Bereich Demenz existieren bereits einige digitale Angebote, von Computerspielen bis zu Simulationen. Auch im Studiengang Public Health gibt es einen Demenzsimulator, der Studierenden einen Zugang zum Thema ermöglicht. Doch Huß und ihr Team wollten einen anderen Weg gehen. Sie analysierten zunächst, was es auf dem Markt bereits gibt, probierten selbst viele Formate aus und entwickelten daraufhin eigene Bewertungskriterien: Was soll ein gutes Spiel zu Demenz leisten? Welche Erfahrung soll es ermöglichen?

Das Ergebnis dieses Prozesses: 15 unterschiedliche Prototypen. Die Ideen reichten vom interaktiven Theater bis hin zum Krimidinner. Am Ende setzte sich ein analoges Brettspiel durch: niedrigschwellig, zugänglich und gemeinschaftlich spielbar. Sein Titel: „Herr Alz tischt auf“.

Ein Spiel über Ressourcen und Herausforderungen

Im Zentrum des Spiels steht eine Alltagssituation: Eine Person mit Demenz möchte ihr Wunschbrot in einer Demenz-Wohngemeinschaft bestellen. Doch „Herr Alz“ – eine Anspielung auf Alzheimer – legt ihr immer wieder Steine in den Weg. Erinnerungslücken, Verwirrung oder sprachliche Hürden erschweren die Kommunikation.

Die Spielenden übernehmen unterschiedliche Rollen: Sie können sich in die Lage von Menschen mit Demenz versetzen, die Rolle des „Herrn Alz“ oder einer Pflegekraft. Ziel ist es, dass die betroffene Person trotz Hindernissen am Ende mithilfe der eigenen Ressourcen zu ihrem Wunschbrot kommt. Denn jeder Mensch verfügt über Fähigkeiten und Strategien, die er im Laufe seines Lebens erworben hat. Und genau diese individuellen Stärken entscheiden im Spiel darüber, wie mit der Erkrankung umgegangen wird.

„Unser Spiel soll An- und Zugehörigen und Personen aus der Versorgung eine Möglichkeit bieten, sich dieser ernsten Thematik spielerisch zu nähern“.

Dr. Kristin Huß


Die Idee dahinter speist sich auch aus Huß’ praktischen Erfahrungen: Sie und ihr Team, bestehend aus Miriam Wendschoff und David Bakke vom Büro für Eskapismus, hospitierten mehrfach in Demenz-Wohngemeinschaften und beobachteten den Alltag. Dort wurde frisch gekocht, die Bewohnerinnen und Bewohner konnten mitbestimmen, was auf ihr Brot kommt. Manche äußerten ihre Wünsche klar, andere weniger deutlich. Einige fanden kreative Lösungen für ihre Wissenslücken. Diese Vielfalt im Umgang mit der Erkrankung prägt auch das Spiel.

Der aktuelle Prototyp (Bild: David Bakke)

Empathie durch Perspektivwechsel

„Herr Alz tischt auf“ möchte Empathie fördern. Wer selbst erlebt, wie es ist, wenn Gedanken durcheinandergeraten oder Kommunikation erschwert wird, entwickelt ein anderes Verständnis für Betroffene. Gleichzeitig zeigt das Spiel, dass Selbstwirksamkeit möglich bleibt, wenn auch auf andere Weise.

Aktuell werden noch kleinere Fehler im Spiel ausgebessert. In der kommenden Woche steht ein Treffen mit der Demenz-Informations- und Koordinationsstelle Oldenburg (DiKo) an, um Feedback zur Tragfähigkeit des Konzepts einzuholen. Darüber hinaus wird das Spiel mit weiteren Spieleentwicklerinnen und -entwicklern getestet. Anschließend übernimmt eine Spieledesignerin die gestalterische Überarbeitung. Finanziert wird dieser Schritt durch den Gewinn des GesundheitsAwards 2024 der Metropolregion Nordwest.

Ausblick

Das Projekt läuft noch bis Mai. Im Juni wird „Herr Alz tischt auf“ im Studiengang Public Health in der Lehre vorgestellt. Studierende erhalten dann die Möglichkeit, das Spiel zu testen und kritisch zu prüfen.

Gefördert wird das Projekt von pro Niedersachsen. Begleitende Einblicke in die Entwicklung gibt es auf dem Instagram-Kanal „Spiel und Vergessen“.

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