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Prof. Julia Bargholz in den Ruhestand verabschiedet

„Das freiheitliche Denken war mein Lebenselixier und meine Handlungsmaxime. Dafür war und ist die Hochschule ein durchaus gut geeigneter Ort.“

Prof. Julia Bargholz (Foto: privat)
Prof. Julia Bargholz (Foto: privat)

Prof. Dipl.-Ing. Julia Bargholz aus dem Fachbereich Architektur (FB A) wurde zum Ende des Wintersemesters in den Ruhestand verabschiedet. Die Redaktion der Jade Welt (JW) fragt nach…

JW: Liebe Frau Bargholz, in welchen Bereichen waren Sie an unserer Hochschule tätig?

Bargholz: In den 35 Jahren war ich am Fachbereich Architektur in Oldenburg quasi an drei Hochschulen tätig: Zum Sommersemester 1987 wurde ich als Amtsnachfolgerin von Prof. Kurt Runge an die Fachhochschule Oldenburg berufen für die Lehrgebiete „Entwerfen und Darstellen“. Später entstand durch Fusion die große Fachhochschule Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven, aus der dann 2009 die Jade Hochschule hervorging.

Im Bereich „Entwerfen und Darstellen“ subsummierten sich mehrere Fächer, wie Freies Zeichnen, Plastisch-Räumliches Gestalten, Farbgestaltung, Darstellende Geometrie, ergänzt von Wahlfächern wie Architekturphotographie, Architekturdarstellung und -Modellbau, Akt- und Freihandzeichnen, stadt- und landschaftsräumliches Skizzieren / urban sketching. Der Bereich Entwerfen umfasste sämtliche Studiensemester und Abschlussarbeiten sowie verschiedene Schwerpunkte wie Entwerfen & Farbgestaltung in Architektur und Stadt, Gebäudelehre I bis III und als Wahlfächer ausgewählte Gebiete des Entwerfens – Ökologisches Bauen, Stegreifentwerfen und sogar 1zu1 Projekte. Ja, da kommt einiges zusammen.

Im Laufe der zahlreichen Jahre durchlief ich viele Bereiche der Gremienarbeit. Ich war in der Lehrplan- und später Studienkommission, in der FBA-Baukommission sowie im Prüfungsausschuss, in der HAPLAKO des Senats und Haushaltsbeauftragte des FBA. Ich war nahezu durchgehend im Fachbereichsrat und in zahlreichen Berufungskommissionen. Ich gewann Einblick in die vielen unterschiedlichen Bereiche der Hochschule und beteiligte mich in vielfacher Hinsicht an Entscheidungsfindungen. Das waren sehr bewusste Entscheidungen, denn verantwortliches Gestalten ist nicht nur mein Beruf…

 

JW: Was war Ihr persönliches Highlight an der Hochschule?

Bargholz: Die Studierenden, die sich auf die Nähe und Intensität einer Architekturlehre an so einem vergleichsweise kleinen Fachbereich einlassen konnten, wie sie besonders in den Fächern Entwerfen, Gestalten und Darstellen möglich und förderlich ist, waren in Ihrer Vielfalt und Eigenart eine außerordentliche Bereicherung. Drei erfolgreiche Kooperationsprojekte möchte ich besonders erwähnen:

In Zusammenarbeit mit dem Landesmuseum für Natur und Mensch in Oldenburg folgten wir 2006-07 der Einladung, an einer großen Ausstellung mitzuwirken über „Kaiser Friedrich II. (1194 – 1250) - Welt und Kultur des Mittelmeerraums“, die vom 10.02. - 15.06.2008 gezeigt wurde. Wir reisten mit zweimal 20 Studierenden nach Sizilien und Apulien, photodokumentierten und nahmen vor Ort Bauaufmaße, erarbeiteten fünf virtuelle Castelli-Rekonstruktionen in Filmen, Plänen und Modellen, eine interaktive Italienkarte als anschauliches Verzeichnis der rund 200 Bauten des Stauferkaisers, Kugelpanoramen und Stereoskopien zahlreicher Bauwerke und wirkten im wissenschaftlichen Museumsbeirat mit. Es entstanden großartige Beiträge und viele bleibende Erinnerungen. Es fühlt sich gut an, wenn die Arbeitserfolge öffentlich gesehen und geschätzt werden.

Im Rahmen meiner Gastprofessur an der University of Sydney in Australien konnte ich 2009 dort unterrichten und lernte in Bezug auf das „Einführen ins Entwerfen“ im ersten Studienjahr ein derart überzeugendes Curriculum kennen, das alle Aspekte des Gestaltens und Entwerfens zusammenführt und welches ich anschließend in enger Zusammenarbeit mit meinem geschätzten Kollegen Andreas Oevermann als Propädeutikum an unserem eigenen Fachbereich modifizierte und bis 2019 erfolgreich praktizierte. Das war für alle Beteiligten sehr anstrengend und herausfordernd, brachte aber erstaunliche Qualitäten hervor und bedeutete für uns Architekturlehrende eine hohe Befriedigung, ja sogar Lebensqualität – endlich im Team. Wir veranstalteten zweimal jährlich eine öffentliche Ausstellung der Entwurfsprojekte, mal in der Bau_Werk_Halle, mal im Oldenburger Schloss und zuletzt präsentierten wir sogar im Rahmen des Hamburger Architektursommers. Dieses „transformationen-Projekt“ gab mir die Möglichkeit, das, was ich eigentlich schon immer machen wollte, in der bestmöglichen Form zu verwirklichen und weit über Oldenburg hinaus eine gewisse Einzigartigkeit zu schaffen mit einer Qualität, die eher selten erreicht wird. Generationen von Studierenden, die das miterlebten, können sich erinnern.

2014 begann ich eine Kooperation mit der Kobe Design University in Japan. Wir unternahmen eine große Fachexkursion nach Tokyo, Kyoto, Osaka, Naoshima und knüpften fachliche Kontakte. 2016 veranstalteten wir einen online-basierten Entwurfsworkshop mit 10 deutschen und 40 japanischen Studierenden, woraus konkret ein 1zu1 Projekt entstand. In Sasayama-Hongo realisierten schließlich alle gemeinsam die neue Shorinji-guchi-Bushaltestelle aus Holz, derweil uns der Bürgermeister persönlich in seinem traumhaften Privatwohnhaus unterbrachte und versorgte – das alles bleibt unvergesslich.

JW: Was gefällt bzw. gefiel Ihnen besonders gut an der Jade Hochschule?

Bargholz: Ich habe die Unabhängigkeit immer sehr geschätzt, selbstbestimmt entscheiden und eigenverantwortlich handeln zu können. Das freiheitliche Denken war mein Lebenselixier und meine Handlungsmaxime. Dafür war und ist die Hochschule ein durchaus gut geeigneter Ort. Sie bietet offene Rahmenbedingungen, die Lehre eigenständig zu gestalten und die möglichen Spielräume auch für eigene Weiterbildungsinteressen zu nutzen, denn beispielsweise hätte ich als Privatperson ohne Begleitung Studierender nicht einfach das weltberühmte Architekturbüro von Kengo Kuma in Tokyo besichtigen können.

Ich wirkte kontinuierlich als Entscheidungsträgerin mit, gestaltete eigene Themenschwerpunkte und nahm an Projekten teil, die ich für gesellschaftspolitisch und zeitgeschichtlich relevant hielt. Insofern versuchte ich, die mir verfügbaren Handlungsspielräume möglichst optimal zu nutzen.

In den ersten 12,5 Jahren meiner Hochschultätigkeit war ich die einzige Frau unter ausschließlich männlichen Prof.-Kollegen. Anerkennung und Akzeptanz waren nicht selbstverständlich. Ich musste hart darum ringen und beschloss daher, mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, um wirklich etwas zu bewirken. Ich brachte mich tatkräftig in Veränderungsprozesse ein und war in sehr vielen Berufungskommissionen tätig, was nicht nur der für Gremien verpflichtenden Frauenquote geschuldet war. Ich formulierte mit zwei gleichgesinnten Kollegen eine sogenannte Grundlehre für das „Einführen ins Entwerfen, Gestalten, Darstellen“. Wir schrieben Curricula für ganz neue Pflichtfächer wie Plastisch-Räumliches Gestalten und Farbgestaltung, sowie Architekturphotographie zur Erweiterung des Wahlfachangebots. Noch kurz vor der Fusion gründeten wir 1999 das „Institut für intermediale Gestaltung und Darstellung“ (IGD), das unter anderem zur Durchführung von öffentlichen Wettbewerben diente – etwa im Themenfeld der Architekturphotographie – und neue Türen öffnete.

In den ersten zwei Jahrzehnten meiner Hochschullehre gewöhnte ich mich daran, alles alleine zu machen, Unterrichtsskripte und Dokumentation, Ausstellungen und Exkursionen, Projektanträge und – ach, Sie wissen ja selbst was alles dazugehört. Zeitweilig war ich auch Haushaltsbeauftragte des Fachbereichs A und verwaltete die immer viel zu knappen Mittel – damals mit einem Jahresbudget von 70.000 DM. Dann brach eine Zeit an, in der uns die sogenannten GZ- und SQM-Mittel dazu befähigten, Tutorien einzustellen. Das war geradezu paradiesisch, denn zum allerersten Mal hatten wir Unterstützung in der Lehre, bei der Erarbeitung von Lehrmaterial, für Publikationen, im Photostudio und überhaupt. Danke an alle Tutor*innen in all den Jahren.

JW: Was wünschen Sie sich für Ihre Zukunft?

Bargholz: Ich wünsche mir weiterhin geistige Elastizität, mentalen Heißhunger und freie Denkräume, Offenheit für Irritationen und das Ungereimte, Hellhörigkeit und Glanz in den Augen. Sich unermüdlich einzusetzen für Gouvernance und Gleichberechtigung von Frauen bleibt weiterhin eine ständige Herausforderung. Ich wollte „…immer gewesen sein, was ich bin, und doch so anders, als ich war…“  um es mit den Worten von Thomas Steimle zu sagen – oder aber, wie Martin Buber: „Das Alter ist ein herrlich Ding, wenn Du nicht verlernt hast, was Anfangen heißt.“

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