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„Sicherheit beginnt bei der Psyche“

Gastvortrag von Dirk Obermann zur Psychosozialen Notfallversorgung in der Seeschifffahrt

Am Vormittag des 10. Dezember vergangenen Jahres empfing die Jade Hochschule am Fachbereich Seefahrt und Logistik einen besonderen Gast: Dirk Obermann von der Deutschen Seemannsmission e. V. sprach im Rahmen der maritimen Studiengänge über die Bedeutung der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) für Seeleute – ein Thema, das in Zeiten globaler Krisen, zunehmender Arbeitsbelastung und wachsender internationaler Herausforderungen an Bord wichtiger ist denn je. Seine zentrale Botschaft: „Sicherheitsempfinden entsteht durch Information und Kommunikation – besonders in Krisensituationen.“ 

Besondere Belastungen im Arbeits- und Lebensraum Schiff

Dirk Obermann gab den Studierenden einen umfassenden Einblick in die besondere Belastungssituation von Seeleuten und die strukturellen Unterstützungsangebote der Seemannsmission. Moderne Besatzungen seien hochqualifiziert und eigenverantwortlich, gleichzeitig aber vielfältigen psychischen und physischen Stressoren ausgesetzt. Dazu zählen lange Abwesenheiten von zuhause, hohe Arbeitsdichte, Isolation, kulturelle Unterschiede an Bord so wie eingeschränkte medizinische und soziale Ressourcen. 

„Arbeits- und Lebensraum sind an Bord untrennbar. Rückzugsmöglichkeiten sind stark begrenzt.“

Dirk Obermann, Deutsche Seemannsmission e. V. 
 

Umgang mit traumatischen Ereignissen

Ein Schwerpunkt des Vortrags lag auf der Bewältigung traumatischer Ereignisse an Bord. Dirk Obermann nannte Ausnahmesituationen wie Feuer, Kollisionen, Todesfälle, schwere Verletzungen sowie Piraterie als Beispiele. Solche Ereignisse könnten langfristige psychische Folgen nach sich ziehen, denn schließlich „seien Seeleute zwar Betroffene – aber zugleich immer auch Einsatzkräfte“, betonte er. Die psychischen Reaktionen auf solche Erlebnisse seien normale Reaktionen auf unnormale Ereignisse. Zwar schafften über 90 Prozent der Betroffenen die Verarbeitung aus eigener Kraft, doch psychosoziale Unterstützung sei ein wesentlicher Faktor, um Stabilität zu schaffen und langfristige Schäden wie eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) zu verhindern.

Grundprinzipien psychosozialer Erster Hilfe

Darüber hinaus erläuterte Dirk Obermann die Grundprinzipien der psychosozialen Ersten Hilfe, darunter das Schaffen von Sicherheit, transparente Kommunikation, Entlastung, Förderung von Selbstwirksamkeit sowie die Einbindung sozialer Kontakte. Auch der sensible Umgang mit Trauer und kulturellen Besonderheiten an Bord wurde thematisiert: „Menschen sind keine Ersatzteile. Gemeinsame Trauerfeiern helfen, Würde zu bewahren und in den Alltag zurückzufinden.“ 

Zum Abschluss teilte Dirk Obermann persönliche Erfahrungen aus konkreten Einsätzen seiner Tätigkeit und verdeutlichte damit die Relevanz professioneller psychosozialer Unterstützung im maritimen Kontext. Der Gastvortrag bot den Studierenden der Jade Hochschule nicht nur fachliche Erkenntnisse, sondern auch einen Einblick in die menschliche Seite der Seefahrt.

Notfallszenario auf See (Bild: KI generiert)
Notfallszenario auf See (Bild: KI generiert)

Unter dem Leitmotiv „Support of Seafarers’ Dignity“ betreibt die Deutsche Seemannsmission derzeit 15 Stationen in Deutschland und 17 im Ausland. Über das internationale Netzwerk der International Christian Maritime Association (ICMA) stehen weltweit rund 1.000 Seelsorger_innen in 500 Zentren für Seeleute zur Verfügung. Jährlich erreicht die Organisation mehr als 200.000 Seeleute durch Bordbesuche, Seemannsclubs, Übernachtungsmöglichkeiten sowie psychosoziale Unterstützung.

Campus Elsfleth (Bild: Jade HS)
Campus Elsfleth (Bild: Jade HS)

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