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Nachhaltigkeit und Sicherheit im Verkehrswesen voranbringen

Nachgefragt: Verkehr

Die Bewertung des Straßenzustandes erfolgt bisher ausschließlich auf der Basis des visuellen Erscheinungsbildes an der Straßenoberfläche. Genauere Alternativen erforscht Prof. Buttgereit in einem aktuellen Forschungsprojekt. (Foto: pexels)
Die Bewertung des Straßenzustandes erfolgt bisher ausschließlich auf der Basis des visuellen Erscheinungsbildes an der Straßenoberfläche. Genauere Alternativen erforscht Prof. Buttgereit in einem aktuellen Forschungsprojekt. (Foto: pexels)

Dr. Alexander Buttgereit, Professor für Straßenbau im Fachbereich Bauwesen Geoinformation Gesundheitstechnologie der Jade Hochschule, beschäftigt sich in seinen Forschungsprojekten unter anderem mit Nachhaltigkeitsaspekten im Verkehrswesen, den Folgen der klimatischen Veränderung oder dem Lebenszyklus der Infrastruktur. Die Jade Welt (JW) hat nachgefragt…

JW: Lieber Herr Buttgereit, 570 Millionen Tonnen mineralische Naturstoffe wie Kies und Sand werden allein in Deutschland jährlich abgebaut und zur Herstellung von neuen Baustoffen verwendet. Dadurch gehen jeden Tag rund 4,5 Hektar an Land verloren - das entspricht einer Größe von etwa sechs Fußballfeldern. Gleichzeitig fehlen für die anfallenden Bauabfälle - rund 219 Millionen Tonnen pro Jahr - hochwertige Verwertungslösungen. Welche praktischen Lösungsansätze wären für Sie denkbar?

Buttgereit: Eigentlich ist es ganz einfach, wenn wir uns rein auf den Straßenbau konzentrieren. Es werden in Deutschland seit vielen Jahren hochwertige Straßen aus Asphalt, Beton und Pflaster gebaut, die aus Steuermitteln finanziert worden sind und deren Wiederverwendung deutlich erweitert werden könnte. So gibt es mittlerweile Zusätze auf natürlicher Basis, die eine qualitativ hochwertige Widerverwendung von Asphalt bis in die oberste Schicht - Deckschicht - ermöglichen. Wir arbeiten gerade daran dies zu optimieren, damit die Nutzungsdauer dieser Bauweise nicht kürzer ist als bei konventionellem Bauen. Die bisherigen Ergebnisse stimmen uns sehr optimistisch.

Die hochwertig aufbereiteten mineralischen Bauabfälle werden dagegen zu wenig aktiv ausgeschrieben beziehungsweise nachgefragt. Hier könnte alleine eine konsequentere Anwendung der bestehenden Umweltgesetze deutliche Verbesserungen erzielen. Das hat weniger mit Wissenschaft als mit Aufklärung und Kontrolle zu tun.

Prof. Dr. Alexander Buttgereit (Foto: Fotostudio Christian Fliegner)
Prof. Dr. Alexander Buttgereit (Foto: Fotostudio Christian Fliegner)

„Nachgefragt“

In der Serie „Nachgefragt“ interviewt die Redaktion der Jade Welt Wissenschaftler_innen der Jade Hochschule zu aktuellen Themen.
Heute: „Verkehr“

JW: Die Bewertung des Straßenzustandes erfolgt bisher ausschließlich auf der Basis des visuellen Erscheinungsbildes an der Straßenoberfläche. Für eine nachhaltige und wirtschaftliche Erhaltungsstrategie sollten jedoch alle Schichten des Straßenaufbaus betrachtet werden. Welche Möglichkeiten gäbe es hierfür? Und, sind die Asphalte heute für die Anforderungen aus Klimaveränderungen überhaupt noch leistungsfähig?
 

Buttgereit: Die Bewertung des Straßenzustands anhand von Oberflächenmerkmalen ist erst einmal eine Möglichkeit sich entwickelnde Schäden zu erkennen und deren weitere Entwicklung zu verfolgen. Wenn es aber darum geht, nachhaltige Maßnahmen zur Reparatur zu wählen, dann sollte die strukturelle Substanz des Straßenaufbaus bzw. der einzelnen Schichten betrachtet werden. Hierzu habe ich bereits in meiner Dissertation eine Vorgehensweise entwickelt, die es auch kleinen Kommunen ermöglicht verantwortungsvoll zu handeln. So kann, vereinfacht gesagt, zum Beispiel der Einsatz des Georadars Erkenntnisse zur Gleichmäßigkeit der Dicke und Schichtenfolge im Oberbau der Straße liefern. Untersucht man dazu noch ein paar Bohrkerne, so erhält man wertvolle Informationen über die Restsubstanz der Straße und der Materialien. Damit kann ich dann eine geeignete Maßnahme der Straßenerhaltung wählen und wie oben gesagt die Wiederverwendung optimieren.

Inwieweit die Klimaveränderungen und hier insbesondere die zunehmende Hitze neue Asphalte erfordert, soll unter anderem im aktuellen Forschungsprojekt „Darkseit“ erforscht werden. Da müssen wir uns noch ein wenig gedulden.

JW: Bei ihrem ersten internationalen Auftritt für die Jade Hochschule bei einer Konferenz in den Niederlanden haben Sie gleich drei Themen präsentiert. In einem Vortrag ging es um Vorschläge dafür den innerstädtischen Verkehr sicherer zu machen. Welche Maßnahmen könnten Sie sich beispielsweise für die Stadt Oldenburg vorstellen?

Buttgereit: Das Thema Verkehrssicherheit ist ein sehr sensibles und heikles Thema, dennoch eine meiner Herzensangelegenheiten. Denn wir reden hier häufig über Unfälle, Verletze und vielleicht sogar getötete Menschen. Und in Unfälle können wir täglich alle verwickelt werden, egal wie alt, vorsichtig oder erfahren wir sind oder welche Art der Fortbewegung wir nutzen. Aus meiner Erfahrung meiner vorherigen Tätigkeit bei der Stadt Münster heraus kann ich nur für einen ganzheitlichen Ansatz der Verkehrssicherheitsarbeit werben. Er besteht aus den Säulen Ordnung und Kontrolle, planerische und bauliche Maßnahmen – Infrastruktur -, Verkehrserziehung und Aufklärung sowie der Öffentlichkeitsarbeit. Während die ersten beiden Säulen wenig geliebt beziehungsweise teuer sind, zielen die anderen beiden Säulen darauf, den Menschen zu erreichen, ein Bewusstsein zu schaffen und ihn zur Veränderung seines Handelns zu bewegen. Das ist die schwerste und längste Aufgabe, aber am Ende die, die den größten und langanhaltendsten Nutzen bringen kann. Deshalb bin ich noch einen Schritt weiter gegangen und versuche klar zu machen, dass wir nur eine Umwelt für uns alle haben, in der wir zusammen leben (müssen). Das geht aber nicht, wenn jeder seine Egoismen durchsetzen will und stattdessen auf den Anderen zeigt. Das gilt interessanterweise auch für Themen rund um den Klimawandel. Mit Rücksichtnahme, Kompromissen und Gemeinschaft werden wir alle an Ende glücklicher und zufriedener durchs Leben kommen und im Verkehr sogar sicherer!

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